Malerei
Öl auf Leinwand

Seit Ende der 1980er Jahre bildet die Malerei, neben der zeitgleich verlaufenden Auseinandersetzung mit Photographie, Video und Installation, einen zentralen und kontinuierlichen Bestandteil der künstlerischen Arbeit von Otto Reitsperger. Die Malerei als überaus traditionsreiche Gattung erscheint dabei gewissermaßen als Gegenpol zu den Arbeiten in den neuen, technischen Medien. Auch sind es durchaus verschiedene künstlerische Strategien, die Reitsperger in den unterschiedlichen Medien verfolgt: während den Videoarbeiten und Installationen eher thematisch orientierte Konzeptionen zu Grunde liegen, tendiert die Malerei Reitspergers stärker zu einer elementaren Auseinandersetzung mit den Bedingungen und Möglichkeiten des Bildes als Gegenstand der ästhetischen Wahrnehmung.

Im Zentrum des malerischen Werks Reitspergers stehen seit Anfang der 1990er Jahre jene reduktiven Bilder, deren Grundgedanke auf der Verbindung eines schwarzen, klar begrenzten Bereiches mit einer tendenziell monochromen, aber durch subtile Nuancierungen der Farbe rhythmisch durchpulsten Farbfläche beruht. Dabei erscheint die schwarze Partie zumeist als horizontaler Balken in der Bildmitte oder in vertikaler Anordnung an der rechten Bildseite. In dieser Konzeption ist bereits ein serieller Aspekt enthalten, und so entstanden neben Einzelbildern auch mehrere zusammengehörige Bildserien von acht oder zehn Bildern, in denen die Farbe der monochromen Flächen variiert, die Bildkonstellationen jedoch konstant bleiben.

In der Reduziertheit ihrer Bildsprache manifestiert sich ein elementarer, auf das Wesen des Bildes gerichteter Anspruch. Ein ordnender Überblick vermag zunächst die präzise begrenzte geometrische Aufteilung der Bildfläche, die Unterscheidung der einzelnen Farbbereiche und ihrer Relation zueinander festzustellen. Die changierende Räumlichkeit, die sich aus der Differenz den Farbwerte im Bild ergibt und vor dem Original deutlich wahrnehmbar wird, verweigert sich jedoch bereits einer exakten Bestimmbarkeit. Sie verlangt ein Sehen, das sich jenseits von analytisch herstellbaren Bezügen auf visuelle Qualitäten einlässt. Zu diesen zählt der spezifische Ausdruckswert des Farbtons, der in warmen, meist braunroten oder grauen Valeurs sowie in den subtil auf einander abgestimmten »Farbklängen« der Bilderserien durchaus eine emotionale Komponente aufweist. Vor allem aber die feinen Durchpulsungen der Farbflächen fordern und fördern einen besonderen Modus der Wahrnehmung, nämlich ein kontemplatives Schauen, dem nicht zuletzt auch ein Aspekt des Aufhebens von Zeit innewohnt, der unserer alltäglichen Seh- und Zeiterfahrung fremd ist.

Im Nebeneinander einer an Naturwissenschaftlichkeit erinnernden Exaktheit und einer sich dem meßbaren entziehenden Transzendenz manifestiert sich die gleichzeitige und gleichwertige Präsenz differenter Modelle von Bild- und Weltsicht. In der Selbstverständlichkeit und Geschlossenheit der Bilderscheinung gelangen diese zu einer Einheit des (scheinbar) Gegensätzlichen.

Reinhard Buskies (Kunstverein Bochum)